Diese Sure gilt nach einigen Gelehrten als eine mekkanische Offenbarung, nach anderen als eine mekkanisch-medinensische, wobei die ersten drei Verse in Mekka und der Rest in Medina offenbart worden sein sollen. Die letztere Ansicht ist vielleicht die gewichtigere.
This sūrah is a Makkan revelation according to some authorities and a Makkan- Madinan one according to others, with the first three verses said to have been revealed in Makkah and the rest in Madinah. The latter view is perhaps weightier.
Dennoch ist die Sūrah ein in sich verwobenes Ganzes, das auf die Festigung eines der grundlegendsten Glaubensaspekte abzielt. Daher neigen wir eher dazu, sie als eine vollständig medinensische Offenbarung anzusehen. Ihr Gegenstand entspricht eher den Themen des in Medina offenbarten Teils des Qur’ān. Sie behandelt die Erscheinungen der Heuchelei und des falschen Scheins, die unter der muslimischen Gemeinde in Mekka unbekannt waren.
Yet the sūrah is one interwoven entity, aiming at the establishment of one of the most fundamental aspects of faith. Hence we are more inclined to take it as being an entirely Madinan revelation. Its subject matter is more in line with the topics of the part of the Qur’ān revealed in Madinah. It relates to the phenomena of hypocrisy and false pretences which were unheard of among the Muslim community in Makkah.
Doch es besteht kein Grund, die Aussage zurückzuweisen, dass die Sure eine mekkanisch-medinensische ist, denn es ist möglich, dass die letzten vier Verse in Medina offenbart und aufgrund der Ähnlichkeit des Themas mit den ersten drei verbunden wurden. Nachdem dies gesagt ist, wollen wir nun die Sure und ihr Thema betrachten.
But there is no need to reject the assertion that the sūrah is a Makkan-Madinan one, because it is possible that the last four verses were revealed in Madinah and integrated with the first three on the grounds of similarity of subject matter. Having said that, let us now consider the sūrah and its theme.
Glaube und Praxis
Diese Sure aus sieben kurzen Versen behandelt eine wichtige und grundlegende Frage, die die gewöhnlichen Bedeutungen der Begriffe „Glaube“, arabisch īmān, und „Unglaube“, arabisch kufr, durchaus verändern könnte. Darüber hinaus legt sie die grundlegende Wahrheit dar, die dem Wesen des islamischen Glaubens innewohnt, den enormen Nutzen, den er allen Menschen bietet, und die reichen Segnungen, mit denen Gott die Menschheit begünstigt hat, als Er ihr Seine letzte Botschaft sandte.
Belief and Practice This sūrah of seven short verses tackles an important and vital issue which could very well change the common meanings normally assigned to the terms ‘faith’, or īmān, and ‘disbelief’, or kufr. Moreover, it brings out the fundamental truth intrinsic in the nature of the Islamic faith, the enormous benefit it offers to all humanity and the abundant blessings with which God favoured mankind when He sent them His last message.
Als Lebensweise gründet der Islam nicht auf Prunk und Oberflächlichkeit. Die äußeren Erscheinungsformen der verschiedenen Gottesdienste sind dem Islam zufolge bedeutungslos, solange sie nicht von Aufrichtigkeit und Hingabe an Gott getragen sind. Aufrichtig motivierter Gottesdienst bewirkt Wirkungen im Herzen eines Menschen, und diese veranlassen ihn, rechtschaffen zu handeln. Die Wirkungen des Gottesdienstes spiegeln sich in einer Art von gesellschaftlichem Verhalten wider, das das Leben des Menschen auf dieser Erde erhöht.
As a way of life, Islam is not built on ostentation and superficiality. The apparent aspects of the different acts of worship are, according to Islam, meaningless unless they are motivated by sincerity and devotion to God. Worship sincerely motivated produces effects within a person’s heart, and these cause him to act righteously. The effects of worship are reflected in a type of social behaviour which elevates man’s life on this earth.
Ebenso wahr ist die Tatsache, dass der Islam kein lockeres, zersplittertes, zusammenhangloses System ist, aus dem man nach Belieben auswählen kann. Vielmehr ist er eine vollständige Lebensweise mit Gottesdiensten und Riten sowie individuellen und kollektiven Pflichten, die einander ergänzen. Zusammen führen sie zu einem Ziel, dessen alleinige Nutznießerin die Menschheit ist: einem Ziel, das gewährleistet, dass die Herzen gereinigt werden, das Leben veredelt wird und die Menschen zum gemeinsamen Wohl und zum Fortschritt zusammenarbeiten; einem Ziel, in dem Gottes Segnungen reichlich vorhanden sind.
No less true is the fact that Islam is not a loose, fragmentary, disjointed system from which one can pick and choose at leisure. On the contrary, it is a complete way of life with acts of worship and rites, as well as individual and collective obligations that are mutually complementary. Together they lead to a goal of which mankind is the sole beneficiary; a goal which ensures that hearts are purified, life is ennobled, and men co-operate for the common good and progress; a goal wherein abound God’s blessings.
Ein Mensch kann sich zum Islam bekennen, das heißt, er nimmt diese Religion und alle ihre Grundsätze an, verrichtet regelmäßig die Gebete und erfüllt andere Akte der Anbetung, und dennoch fehlt ihm das Wesen des Glaubens und die Aufrichtigkeit des Bekenntnisses. Tatsächlich kann er davon sehr weit entfernt sein. Denn es gibt Zeichen, die auf die feste Verankerung dieser Eigenschaften in den Herzen der Menschen hinweisen.
A person may profess to be a Muslim, that is, he accepts this religion and all its principles, offers prayers regularly and observes other acts of worship, and yet is lacking in the essence of faith and sincerity of belief. In fact, he may be very far from these. For there are signs which indicate the firm establishment of these qualities in people’s hearts.
Wie im Kommentar zu Sure 103, Al-ʿAṣr (Der Zeitraum), erläutert wurde, beginnt das Wesen des Glaubens, sobald es fest in den Herzen und Köpfen der Menschen verwurzelt ist, unmittelbar zu wirken und sich in ihrem Verhalten zu zeigen. Die Sure betont unmissverständlich, dass es ohne dies keinen Glauben gibt.
As explained in the commentary on Sūrah 103, The Declining Day, the essence of faith once firmly rooted in people’s hearts and minds, immediately begins to operate and manifest itself in their behaviour. The sūrah stresses unequivocally that, if this is not the case, there is no faith.
„Hast du den gesehen, der die Religion leugnet? Er ist es, der die Waise abweist und nicht dazu anspornt, den Armen zu speisen." (Verse 1-3) Die Sure beginnt mit einer Frage, die an alle richtet, die sehen können. Sie erzeugt Spannung und fesselt die Aufmerksamkeit, um die Zielperson und das Thema der Sure erkennbar zu machen. Wer ist dieses Wesen, das im Koran als derjenige bezeichnet wird, der die Religion des Islam leugnet? Die Antwort folgt sogleich: „Er ist es, der die Waise abweist und nicht dazu anspornt, den Armen zu speisen." (Verse 2-3)
“Have you seen him who denies religion? It is he who thrusts the orphan away and does not urge others to feed the needy.” (Verses 1-3) The sūrah starts with a question addressed to all who can see, generating suspense and holding their attention in order to make them discover the target and subject of the sūrah. Who is this creature identified by the Qur’ān as the one who denies the religion of Islam? The answer is given immediately: “It is he who thrusts the orphan away and does not urge others to feed the needy.” (Verses 2-3)
Diese Definition der Ungläubigen mag im Vergleich zu einer traditionellen Definition des Glaubens überraschend klingen, doch genau darin liegt der Kern der Sache. Denn derjenige, der den Glauben leugnet, ist derjenige, der die Waise hart abweist, sie demütigt und ihre Gefühle verletzt, und der sich nicht um die Bedürftigen und ihr Wohl kümmert. Denn wenn die Wahrheit des Islam sein Herz in irgendeinem Grad berührt hätte, würde er solche Taten nicht begehen.
This definition of unbelievers may sound surprising when compared with a traditional definition of faith, but this is the crux of the matter. Indeed the one who denies the faith is he who harshly pushes away the orphan, humiliating him and hurting his feelings, and who does not care for the needy or their welfare. For if the truth of Islam has touched his heart in any degree, he would not commit such acts.
Der wahre Glaube im Islam ist keine bloße verbale Aussage, sondern eine umfassende Veränderung des Herzens des Menschen, die ihn zu Wohlwollen und Güte gegenüber allen seinen Mitmenschen antreibt, die seiner Fürsorge und seines Schutzes bedürfen. Gott will von Seinen Dienern nicht bloße Worte, sondern verlangt Taten, die das gesprochene Wort stützen; andernfalls sind die Worte so gewichtslos und wertlos wie verwehte Asche. Nichts kann diese Tatsache, die das Wesen des Glaubens ausmacht, nachdrücklicher bekräftigen als diese drei Verse.
True belief in Islam is not a verbal statement, but an overall change of the individual’s heart, motivating him to benevolence and goodwill for all his fellow beings that are in need of his care and protection. God does not want mere words from His servants but demands deeds to support the spoken words which, otherwise, are as weightless and valueless as blown ash. Nothing can be more forceful than these three verses in affirming this fact which represents the nature of faith.
Wir beabsichtigen hier nicht, uns auf eine juristische Diskussion über die Grenzen von Glauben (Iman) und Islam einzulassen. Diese sind in rechtlichen Angelegenheiten erforderlich, während diese Sure die Tatsachen aus Gottes Sicht und Seinem Urteil darlegt, was sich deutlich vom rechtlichen Aspekt unterscheidet.
We do not intend here to indulge in a juristic discussion on the boundaries of faith and Islam. These are required in legal affairs, whereas this sūrah states the facts from God’s point of view and judgement, which is quite different from the legal aspect.
Als Nächstes bietet Gott eine praktische Veranschaulichung dessen, was oben gemeint ist: „Wehe denen, die beten, aber achtlos sind gegenüber ihrem Gebet.“ (Verse 4-5) Diese Verse enthalten Gottes Anrufung gegen jene, die Gebete verrichten, aber in Bezug auf sie nachlässig sind, bzw. eine Drohung der Vernichtung für sie.
Wer genau sind solche Menschen? Es sind jene, „die Frömmigkeit zur Schau stellen, aber nicht einmal die kleinste Hilfe für andere leisten.“ (Verse 6-7) Sie verrichten Gebete, erfüllen aber nicht richtig deren Erfordernisse. Sie führen die mechanischen Abläufe aus und sprechen die verbalen Formeln der Gebete, doch ihre Herzen sind dabei nie lebendig, und sie ziehen auch keinen Nutzen aus der geistigen Nahrung, die Gebete schenken. Das Wesen und der Zweck des Gebets und seiner Bestandteile, wie die Rezitation des Qur'ān, das Bittgebet und die Verherrlichung Gottes, sind in ihren Seelen nie gegenwärtig. Sie verrichten Gebete nur, um andere zu täuschen, und nicht aus Hingabe an Gott. Daher sind sie unaufmerksam, wenn sie beten. Sie vollziehen ihre Gebete nur äußerlich.
Muslime sind verpflichtet, ihre Gebete regelmäßig zu verrichten, und dabei im Sinn zu behalten, dass ihre Gebete ein Ausdruck ihrer Dienerschaft allein gegenüber Gott sind. So bringt das Gebet bei jenen, die ihm gegenüber nachlässig und unaufmerksam sind, keine Frucht hervor. Folglich verweigern sie jede Güte oder Hilfe gegenüber ihren Mitmenschen und versagen auch die geringste Wohltätigkeit gegenüber irgendeinem von Gottes Dienern.
Next, God offers a practical illustration of what is meant above: “Woe, then, to those who pray but are heedless of their prayers.” (Verses 4-5) These verses contain God’s invocation against, or a threat of destruction to, those who offer prayers but are careless about them. Who exactly are such people? They are those “who put on a show of piety but refuse to give even the smallest help to others.” (Verses 67) Those who perform prayers but who do not aptly meet their requirements. They execute the mechanical aspects and pronounce the verbal formulae of prayers but their hearts are never alive to them, nor do they benefit by the spiritual nourishment prayers give. The essence and purpose of prayer and its component parts, such as Qur’ānic recitation, supplication and glorification of God, are never present in their souls. They offer prayers only to deceive others and not out of devotion to God. Hence, they are inattentive when they pray. They only outwardly perform their prayers. Muslims are required to offer their prayers regularly, having in mind that their prayers are a manifestation of their servitude to God alone. Thus, prayer leaves no result in those who are neglectful and inattentive to it. Consequently they refuse to give any kindness or help to their fellow beings and deny the slightest charity to any of God’s servants.
Once again, wir stehen vor der grundlegenden Wahrheit und dem Wesen dieser Religion. Ein Vers des Qur'ān droht mit Verderben denen, die Gebete verrichten und dabei lediglich sinnlose Bewegungen ausführen, die jeglichen Geist und Sinn vermissen lassen, zur Täuschung und Heuchelei bestimmt sind und nicht Gott gewidmet sind. Da ihre Gebete weder ihre Herzen noch ihr Verhalten berührt haben, sind sie nicht nur nutzlos, sondern eine Sünde, für die sie bestraft werden.
Once again, we find ourselves presented with the fundamental truth and nature of this religion. A Qur’ānic verse threatens with destruction those who offer prayers precisely because they carry out meaningless movements devoid of any spirit or sense of purpose, intended for deceit and pretence, and not devoted to God. Since their prayers have not affected their hearts and behaviour, they are not merely useless but rather a sin for which they will be punished.
So erschließt sich uns der Zweck dessen, was Gott von Seinen Dienern fordert, wenn Er sie anweist, an Ihn zu glauben und Ihn anzubeten. Er erstrebt dadurch keinerlei Nutzen für Sich selbst, denn Er bedarf weder irgendeines Menschen noch irgendeines Dinges. Ihm geht es einzig um ihr eigenes Wohl und Gedeihen, um die Reinigung ihrer Herzen und um ihr Glück im Leben. Gott wünscht, dass das menschliche Leben erhoben und glücklich ist, auf reinen Beweggründen beruht und von gegenseitigem Mitgefühl, Brüderlichkeit sowie der Lauterkeit der Herzen und des Verhaltens geprägt ist.
We thus gather the purpose behind what God demands of His servants when He instructs them to believe in, and worship Him. He seeks no benefit thereof for Himself, as He is in no need of anyone or anything. All He cares for is their own welfare and prosperity, purification of their hearts and happiness in their lives. God wishes human life to be elevated, happy, based on pure motives and characterized by mutual compassion, brotherhood and purity of hearts and behaviour.
Wohin treibt die Menschheit sich selbst, wenn sie sich von dieser Fülle der Barmherzigkeit abwendet, von diesem wunderbaren und erhabenen Weg? Wie kann sich der Mensch dazu erniedrigen, in der Wüste einer elenden und finsteren Jāhiliyyah zu leben, wenn er am Scheideweg, an dem er nun steht, das herrliche Licht des Glaubens unmittelbar vor Augen hat?
To where then is humanity driving itself, moving away from this abundance of mercy; away from this wonderful and sublime path? How can mankind debase itself to living in the wilderness of a wretched and gloomy jāhiliyyah when it beholds the splendid light of faith before its very eyes at the cross-roads where it now stands?